Ägyptisches Grabdenkmal

Dieses Relief zeigt eine Dame, die einen langen Mantel mit betonter Brustpartie trägt. Sie erscheint stehend in Adorantenpose, mit erhobenen Händen als Verkörperung des Gebetes. Mit Blattwerk verzierte Pilaster flankieren ihre Gestalt unter einem Giebeldreieck mit einem großen Vogel. Die architektonische Rahmung weist nach heidnischer Auffassung auf ein Gotteshaus hin. Die Einbeziehung des Blattwerks, das in der koptischen (christlich‐ägyptischen) Kunst diese architektonischen Rahmen oft umgibt, kann die Vorstellung eines Gartens, und damit des Hauses im Paradies stützen. Christliche Symbolik spiegelt sich ebenso in Form des Vogels wider, der verschiedene Bedeutungen annehmen kann, vermutlich jedoch Christus symbolisiert, der den Gläubigen in den Himmel tragen sollte wie der Adler seine Beute. Die Verstorbene begegnet dem Betrachter hier, wie sie Gott in aller Frömmigkeit entgegentritt.

Da Beterfiguren in unmittelbarer Verbindung zur griechisch/ römischen Tradition stehen, ist anzunehmen, dass die Abbildung der betenden Frau auf dem Relief nicht nur eine Darstellung des verstorbenen Christen als frommen Menschen war, sondern auch eine Art Kommunikation mit dem Lebenden bzw. dem Betrachter bewirken sollte. Das koptische Grabdenkmal mag in dieser Weise die Tradition der heidnischen Grabstelen fortgeführt haben, die den Besucher durch ihre freistehende Präsenz mithilfe eines Reliefs oder einer Inschrift aufforderten, durch ein Gebet des Toten zu gedenken und seinen Namen auszusprechen.

Kalkstein, Kalkgips‐Mörtel, Farbfassung Koptisch, 5.‐6. Jh. n. Chr.

Aus Ägypten, genauer Herkunftsort unbekannt, PM 1894